Presse

10.04.2009, 07:14 Uhr

Kemal rüber

Alle fünf Jahre fahren einige hundert Türken vom hessischen Dietzenbach ins anatolische Düzbag. Dann stimmt ihr Heimatort über den Bürgermeister ab. Dazu sind den Parteien alle Stimmen recht, aber nicht billig. Eine Wahlfahrt an die Grenzen der Demokratie.

(...) Im Gang des Flugzeugs stauen sich die Passagiere, es ist kurz nach Mitternacht, Flug 474 von Frankfurt nach Adana ist gelanet. Aber Orhan Yilmaz nimmt sich Zeit. Vorsichitig zieht er seine Jacke an, der Stoff soll nicht verknittern. (...) Gut aussehen möchte der Malermeister, er ist auf dem Weg nach Düzbag, dem Dorf, in dem er aufgewachsen ist, ein winziger Ort im Südosten der Türkei. Er will dort den Bürgermeister wählen. (...) Orhan Yilmaz ist vierundvierzig Jahre alt, vierundzwanzig davon wohnt er in Dietzenbach, einer Kleinstadt nahe Frankfurt, in der fast dreitausend Türken leben. Sehr viele von ihnen stammen aus Düzbag. (...) Fast vierhundert Dietzenbacher sind in den vergangenen Tagen nach Düzbag aufgebrochen. Obwohl die meisten von ihnen seit Jahrzehnten in Deutschland leben und hier bleiben wollen, haben sie einen türkischen Pass. (...) Vor dem Flughafen erwartet die Dietzenbacher eine Menschentraube. (...) Vier Kleinbusse stehen bereit. (...) An der ersten Kreuzung gibt es für die Wähler aus Deutschland ein Hupkonzert. "Ich komme, um den Bürgermeister zu wählen, und werde selbst wie einer begrüßt", jubelt eine junge Frau. Dann geht ihr auf, dass in den Bussen sonst offenbar nicht nur Menschen transportiert werden:"Hier riecht es ja nach Ziege." (...) "Kemal", sagen Orhan Yilmaz und Dietzenbacher Türken nur, wenn sie von ihrem Kandidaten sprechen. Jeder kennt Kemal, jeder schuldet Kemal Dank. Jeder will von ihm erzählen. Er ist der Garant für ein besseres Leben, sagt die Frau mit dem Kopftuch, ganz vorn im Bus. (...) Fast alle Dietzenbacher Türken sind nicht nur miteinander,sondern auch fast alle sind mit Kemal verwandt. Vor vier Wochen ist er in Dietzenbach auf Wahlkampftour gewesen, hat Verwandte besucht, Reden gehalten, erklärt, warum er nicht wie früher für eine linke Partei antritt, sondern für die nationalistische MHP. Wiederholen kann die Begründung niemand, den Dietzenbaher Türken ist sieauch egal. Für sie zählt nur, ob der Kandidat zur Familie gehört. "In Deutschland macht der Bürgermeister das, was der Gemeinderat will. In der Türkei ist es genau umgekehrt", sagt Orhan Yilmaz. Einen Bürgermeister zum Verwandten zu haben öffnet einem in der Türkei die Türen. (...) Das Geschäft mit dem Wahltourismus habe Anfang der achtziger Jahre begonnen. Damals fuhren vor allem religiöse Parteien Wähler aus dem Ausland heran. Später zogen andere Parteien nach, eröffneten Büros in Deutschland, schickten Kandidaten zu den Gastarbeitern auf Wahlkampftournee. Daran erinnert sich Orhan Yilmaz noch gut. Für Menschen wie seinen Vater, der seiner Familie in Düzbag mit dem in Deutschland verdienten Geld ein Haus gebaut hat, sagt er, sei es selbstverständlich, sich mit seiner Stimme für die Zukunft des Dorfes zu engagieren. (...) An der nächsten Tankstelle, es ist acht Uhr morgens, steht er dann, der Kandidat: Kemal, ein freundlich in die Morgensonne lächelnder älterer Herr in beigefarbenem Mantel. "Wenn ich die Wahl gewinne, darfst du dir ein Grundstück aussuchen", begrüßt er die Journalistin. Er macht nur Spaß, sagt einer schnell. (...) Bis zur syrischen Grenze sind es nur zweihundert Kilometer. (...) Dann ist, eingerahmt von schneededeckten Bergen, das Dorf erreicht. (...) Vor einer Bäckerei laufen Männer mit den Autos mit und werfen frisches Brot durch die Fenster. Ein Huhn gerät unter einen Reifen. (...) Sieben Uhr am nächsten Morgen, die Wahllokale öffnen. (...) Die Familien kommen geschlossen. Diejenigen,die zu alt sind, um die Treppe zu gehen, werden getragen. Wer nicht lesen kann, den begleitet ein Verwandter. (...) Es dauert nur ein paar Stunden, dann gibt es die erste Schlägerei. (...) Auch Orhan Yilmaz erscheint mit der ganzen Familie. (...) Um sechzehn Uhr schließen die Wahllokale. Jetzt beginnt das Warten. (...) Für die Alten werden Stühle aufgestellt. In einer reihe sitzen sie da und lassen sich das Gesicht in der Sonne wärmen. Keine einzige Frauist zu sehen. Sie warten in den Seitenstraßen. Kurz nach vier Uhr erönt Jubel im Pulk der AKP, so als habe sie die Wahl gewonnen. (...) Ein paar Minuten später wieder Jubel von drüben, und diesmal ist er echt. Gleich zwei Ortsteile hat die AKP gewonnen. (...) Einige Zeit darauf steht das Endergebnis fest. Kemal Küperlikilinc hat verloren. Von drüben dringt ohrenbetäubendes Geheul herüber, und Freudenschüsse fallen. (...) Orhan Yilmaz wendet sich ab und geht. Ich komme nie mehr zur Wahl in die Türkei, sagt er. Das nächste Mal bleibe ich in Dietzenbach.

Autorin: Karen Krüger
Erschienen (ungekürzt) in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. April 2009, S. 40.